Allgemeines zu den "typischen Heilmitteln"

Was verstehen Rudolf Steiner und Ita Wegman unter typischen Heilmitteln?

Wie verhalten sie sich im Vergleich zu den üblichen Symptome bekämpfenden Medikamenten?

Was ist das Neue daran?

Bestimmte Kompositionen von Arzneimitteln

In Kapitel XX von „Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst“1 heißt es: „[…] und wenn Typisches im Krankheitszustande in Betracht kommt, so stellt unser Heilmittel dasjenige dar, was im Sinne der Schilderung unseres Buches zur Therapie führen muss. Von diesem Gesichtspunkte aus sollen einige unserer Heilmittel beschrieben werden.“2

Diese „Typischen Heilmittel“3 haben mit der Heileurythmie gemeinsam, dass hier bestimmte Kompositionen von Arzneimitteln einem bestimmten typischen Krankheitsbild angepasst sind – so wie man in der Heileurythmie eine bestimmte Lautfolge dem Krankheitsprozess anpasst. Otto Wolff hat dies wiederholt in seinen schriftlichen und mündlich vorgetragenen Ausführungen zu diesen Kompositions-Präparaten so auf den Punkt gebracht:

„Diese mögen äußerlich wie Mischungen aussehen, ihnen liegt aber eine Konzeption zugrunde, die nicht von speziellen Krankheiten, sondern von Grundprozessen des Menschen oder einzelner Organe ausgeht. Sie sind deshalb nicht gegen eine Krankheit gerichtet, sondern sprechen ein Organ urbildhaft in seinen Funktionen an. Man kann diesen Arzneimittel-Typus als Urheilmittel ansprechen. So bilden Heilmittel wie Cardiodoron, Kephalodoron (Biodoron), Hepatodoron, Digestodoron u.a. in sich jeweils ein Ganzes. Dabei wird gerade eine gewisse Gegensätzlichkeit von Pflanzen (z.B. im Cardiodoron, Hepatodoron) bzw. der Mineralien Schwefel und Kiesel (im Kephalodoron) durch einen pharmazeutischen Prozess oder eine Substanz (Eisen beim Kephalodoron) ins Gleichgewicht gebracht und zu einer höheren Einheit verbunden. Dadurch erst kann Kephalodoron ein Abbild des dreigliedrigen Menschen sein und eine harmonisierende Wirkung auf den Funktionszusammenhang seiner Funktionssysteme (Nerven-Sinnes-System, rhythmisches und Stoffwechselsystem) ausüben. Entsprechendes könnte auch für andere ‚Heilmittel für typische Krankheiten‘ ausgeführt werden, bei denen es sich zumeist darum handelt, durch harmonisierende Anregungen Gleichgewichtszustände aus ungleichmäßigem Zusammenwirken von Kräften der übersinnlichen Wesensglieder wiederherzustellen. Das Heilende ist im Grunde genommen der menschliche Organismus, d.h. der Ätherleib selber, wenn es gelingt, die entsprechenden Anregungen wirksam werden zu lassen.“4

Ein neuer Behandlungsansatz

Das ist insofern ein neuer Behandlungsansatz, als es dem symptomorientierten Therapieansatz, der sich unmittelbar gegen das betreffende Symptom richtet in Form von Antipyretika, Antihistaminika, Antibiotika, Antidepressiva etc. etwas an die Seite stellt, das unmittelbar die ordnende Kraft der Ich-Organisation und die gesundende Aufbauleistung der ätherischen Organisation anspricht. Dabei steht nicht die Symptombeseitigung im Vordergrund, sondern die Regulierung von den Prozessen, die die Symptome hervorgebracht haben.

Wer also erwartet, dass z.B. eine Tablette Kephalodoron unmittelbar den Kopfschmerz beseitigt, wie man das von einer Gabe Ibuprofen erwarten kann, sieht sich getäuscht. Nimmt er aber das Migränemittel im gesunden Intervall über längere Zeit, werden die Anfälle milder und merklich seltener werden und können bei günstigem Verlauf auch sistieren.

Vgl. „Einleitung zu Band 15, Schriften zur Anthroposophischen Medizin, Kritische Edition der Schriften Rudolf Steiners“, frommann-holzboog Verlag, Stuttgart 20255

  1. Rudolf Steiner, Ita Wegman, Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst, GA 27.
  2. Ebenda, S. 115.
  3. Vgl. Wolff (1984), 65–73 und (2013); Basold u. a. (1995).
  4. F. Husemann und Wolff (1993–2003), 244.
  5. In Band 15 der SKA findet sich auch das umfangreiche Literatur- und Referenzverzeichnis. Wer den Inhalt weiter vertiefen möchte, kann sich dort darüber informieren.