Anthroposophische Heilmittel-Erkenntnis am Beispiel von Antimon
Welcher Blickwinkel ist grundlegend im Hinblick auf die anthroposophische Heilmittel-Erkenntnis?
Inwiefern weist Antimon Ähnlichkeiten mit dem Ätherischen auf?
Wie wird es, auch in Kombination mit Schwefel, therapeutisch eingesetzt?
Wirksamkeit von Substanzen im Kontext irdisch-menschlicher Kraftsysteme
In Kapitel XVI von „Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst“1 geht es um anthroposophischen Heilmittel-Erkenntnis. Die Grundlage davon ist der Blick auf das Verhalten bzw. die Wirksamkeit einer Substanz im Bereich der in Kapitel I geschilderten Kraftsysteme. Dabei geht es insbesondere um die
- von der Erde ausstrahlenden
- und in sie einstrahlenden Kräfte:
„[...] es kommt darauf an, die Wirkungen zu beobachten, die sich aus dem Zusammenhange der inneren Kräftekonstitution einer Substanz im Verhältnis zu den Kräften ergeben, die von der Erde ausstrahlen oder in sie einstrahlen.“
Antimon, Schwefel und die Austernschalenbildung
Diese Wirkungen werden am Beispiel des Antimons in seiner Beziehung zum Schwefel in Form des in der Natur vorkommenden Grauspießglanzes aufgezeigt (Sb2 S3, auch als Antimonit bzw. Stibnit bekannt), sowie an der Austernschalenbildung, die zum Verständnis der Typhusbehandlung beiträgt.
- Antimon
Antimon kam bereits in der ägyptischen Medizin zur Anwendung, nimmt bei Paracelsus eine zentrale Stellung ein und hat bis in die Gegenwart immer neue Einsatzmöglichkeiten erfahren. Chemisch ist es dem Arsen verwandt und eine Menge von 100 mg bis etwa 1200 mg kann bereits tödlich sein. Eine gute Übersicht über seine Verwendung – einschließlich in der Anthroposophischen Medizin – findet sich bei Marxer.3 Die Bezeichnungen Antimon und Stibium für das chemische Symbol Sb stammen von den lateinischen Wörtern antimonium und stibium ab, die schon im Altertum für den Grauspießglanz verwendet wurden.4
- Schwefel
Schwefel ist eines der seltenen Minerale, die in kristallisierten polymorphen Formen in der Natur rein vorkommen und in der Struktur der orthorhombischen Raumgruppe Fddd die typisch gelbe α-Kristallform zeigen. Schwefel steht mit einem Anteil von geschätzt 0,048 Gew.-% an 15. Stelle unter den häufigsten Elementen der uns bekannten Erdkruste. Er wurde in Kometenschweifen nachgewiesen, ist auf der Erde zum einen vulkanischen Ursprungs und stammt zum anderen aus der Biosphäre von Bakterien, die aus schwefelhaltigen Mineralien Schwefel aufnehmen und Sedimente bilden sowie von Pflanze, Tier und Mensch, da er im Eiweißaufbau durch die beiden schwefelhaltigen Aminosäuren Cystin und Methionin festgebunden ist. Durch seinen niedrigen Schmelzpunkt und seine Fähigkeit zu sublimieren, verbindet er sich leicht über Luft und Wasser mit anderen Substanzen und realisiert so den alle Reiche der Natur verbindenden Schwefelkreislauf.
Symptomatisch dafür ist auch eine ungewöhnliche mechanische Eigenschaft der Grausspießglanz-Kristalle: Sie zeigen eine auch an größeren Kristallen bei geringem Kraftaufwand fühlbare Biegsamkeit. Diese beruht auf einer geregelten innerkristallinen Gleitung, wie sie auch beim Eis und beim Steinsalz vorliegt – Substanzen, die für alle Lebewesen essenziell sind.5
- Austernschale
Die Austernschale ist als komplexes Kalkmineral schützendes Außenskelett der Auster und damit ein Mineral, ausgeschieden aus dem Lebensprozess eines Tieres bzw. einer Muschel. In ihrer therapeutischen Verwendung ist sie insbesondere in der Homöopathie bekannt mit dem Arzneimittelbild Calcium carbonicum. Sie wird zu den Vielkönnern oder Polychresten gezählt (von gr: πολύς - viel und χρηστός - brauchbar).
Hinweise auf die Verwandtschaft von Antimon mit dem Ätherischen
- 1. Zusammenwirken von Zentral- und Universalkräften
Dadurch, dass das Antimon sich leicht und stabil mit dem Schwefel zu den orthorhombisch geformten Grauspießglanz/Antimonit-Kristallen verbindet, kann es die Neigung des Schwefels, in der Welt des Lebendigen aktiv zu werden und dadurch auch im Sinne der auf die Erde einstrahlenden ätherischen Kräfte zu wirken, unterstützen. Unter diesem Aspekt ist die Art und Weise, wie das Antimon in seiner Verbindung mit dem Schwefel kristallisiert, charakteristisch. Es kristallisiert in prismatisch-nadeligen grauschwarzen Kristallen, von feinst ziseliert bis zentimeterstark, immer von einem Zentrum weg – wenn der Kristallisationsprozess nicht durch äußere Umstände gestört wird. Dabei erstrecken sich die Antimonit-Nadeln radial in die Peripherie, wobei die Länge der Kristalle durchaus auch 1 m überschreiten kann. Wo er nur kann, strebt Antimonit die büschelförmige Gestaltung an. Er gliedert sich damit in Linien, die von der Erde weg- und den Kräften entgegenstreben, die im Äther wirken. Durch diese Kristallisationsweise bringt das Antimon das Zusammenwirken der Zentral- und der Universalkräfte wie archetypisch zum Ausdruck.
Man bringt mit dem Antimon somit etwas in den menschlichen Organismus, das der Wirkung des Ätherleibes auf halbem Wege entgegenkommt.6 Antimon kann dadurch im Körper die eiweißbildenden Kräfte zusammenhalten und so die Tätigkeit der Ich-Organisation im Eiweißaufbau unterstützen.
- 2. Feinfaserigkeit durch Seigern
Auch dasjenige, was im Seigerprozess mit dem Antimon vor sich geht, weist auf die Äther-Verwandtschaft dieses Stoffes hin. ‚Seigern‘ kommt von dem gegenwärtig nicht mehr oft gebrauchten Wort etwas z.B. durch ein Sieb ‚durchseien‘. Unter ‚Seigerungen‘ versteht man daher Trennprozesse in gemischtem Schmelzgut. Es wird durch diesen Prozess feinfaserig.
- 3. Niedriger Schmelzpunkt
Da das Antimon bereits bei 547° schmilzt, fließt es auf schräger Unterlage leicht aus dem Antimon haltigen Schmelzgut heraus, wo es dann bei Abkühlung zu 92–98 % reinem antimonium crudum kristallisiert.8 Der niedrige Schmelzpunkt von 547° zeigt zudem die Nähe dieser mineralischen Substanz zum flüssigen Aggregatzustand, in dem die ätherischen Kräfte ihre Wirkung entfalten können.
Vor diesem Hintergrund heißt es in dem oben erwähnten Werk:
„Alles dieses zeigt, dass im Antimon die Tendenz enthalten ist, in das Ätherelement in dem Augenblick leicht überzugehen, in dem dazu die Bedingungen auch nur in geringem Grade vorhanden sind. Dem geistigen Schauen gelten alle diese Einzelheiten nur als Andeutungen; denn dieses nimmt die Beziehung zwischen Ich-Tätigkeit und Antimon-Wirksamkeit unmittelbar so wahr, dass die Antimonprozesse, in den menschlichen Organismus gebracht, so wirken, wie die Ich-Organisation.“9
Zwei Indikationen als Beispiele für den Einsatz von Antimon
Aus dem breiten Spektrum der therapeutischen Einsatzmöglichkeiten werden nun zwei Indikationsgebiete an die Schilderung des Arzneimittelbildes angeschlossen:
-
Blutgerinnungsstörungen
-
und Typhus abdominalis/Parathyphus, eine gefährliche bakterielle Infektionskrankheit des Magen-Darmtraktes.
Während eine Therapie mit Antimon oder Stibium metallicum praep. bei Blutungsneigung aus der Darstellung des Arzneimittelbildes unmittelbar hervorgeht, ist dies für den Thyphus nicht so ohne weiteres ersichtlich – zumal dieser ja heute erfolgreich antibiotisch behandelt werden kann (Sterblichkeitsrate unter 1 %) und die Impfung bei Einreise in betroffene Gebiete empfohlen wird.10
Arzneimittelbild der Austernschale und Typhus
Was macht also eine Begleitbehandlung oder Alternativbehandlung zur Vermeidung des Einsatzes von Antibiotika sinnvoll?
Um dies zu verstehen, braucht es – wie oben bereits angedeutet – zum Vergleich das Arzneimittelbild der Austernschale. Hier liegt ein Naturprozess vor, der etwas vollzieht, was für die Muschel richtig ist, für den Menschen aber zur Ursache typhöser Durchfall-Erkrankungen werden kann. Die Auster sondert in ihre Schale das kalkartig Mineralische ab:
„Bei der Auster wird das Kalkartige abgesondert, um es der Eiweißwirkung nicht einzugliedern. Im menschlichen Organismus muss diese Eingliederung stattfinden. Die bloße Eiweißwirkung muss in eine solche umgewandelt werden, in der mitwirkt, was im Kalkartigen durch die Ich-Organisation an gestaltenden Kräften hervorgerufen werden kann. Das muss sich innerhalb der Blutbildung abspielen. Das Antimon wirkt der kalkausscheidenden Kraft entgegen und führt das Eiweiß, das seine Form bewahren will, durch seine Verwandtschaft mit dem Äther-Elemente in die Formlosigkeit hinüber, die für die Einflüsse des Kalkartigen oder Ähnlichem empfänglich ist.
Beim Typhus ist es klar, dass der krankhafte Zustand in einer mangelnden Überführung der Eiweißsubstanz in gestaltungsfähige Blutsubstanz besteht. Die Form der Diarrhöen, die auftritt, zeigt, dass schon im Darm die Unfähigkeit zu dieser Umwandlung beginnt.“11
Heilung der konstitutionellen Dysfunktionalität
In „Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst“12 heißt es, dass die Abwehrstoffe und Killerzellen eines guten Immunsystems im Blut zirkulieren, welches wiederum das Organ der Ich-Organisation ist (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Das Blut als Instrument des Ich).13 Kann nun mithilfe einer Konstitutionsbehandlung, z.B. mit einem Antimonpräparat, und je nach Situation auch noch kombiniert mit anderen Heilmitteln, die Ich-Organisation und damit ihr Einfluss auf die Gestaltungskräfte im Blut gestärkt werden, so werden die Bakterien nicht nur beseitigt, wie es über eine antibiotische Therapie geschieht, sondern zugleich das Milieu saniert und damit künftigen Infektionen vorgebeugt. Das entspräche einer integrativen Therapie, die sich nicht nur auf die Beseitigung der Symptome konzentriert, sondern auf die Heilung der konstitutionellen Dysfunktionalität.
In dem erwähnten Werk schreiben die Autoren: „Wendet man bei typhösen Erscheinungen Antimonpräparate in entsprechender Zusammensetzung an, so erweisen sich diese als Heilmittel. Sie entkleiden die Eiweißsubstanz ihrer Eigenkräfte und machen sie geneigt, den Gestaltungskräften der Ich-Organisation sich einzufügen.“14
Selbstverständlich hat der primäre Fokus auf die Symptombeseitigung überall da seine Berechtigung, wo sie Leben rettet, weil die Abwehrkräfte des Körpers zu schwach sind für die notwendige Selbstregulation. Wo diese Möglichkeit jedoch gegeben ist, kann differenzierter vorgegangen werden.
„Wer Exaktheit nur in dem sieht, was die Chemie – auch die pharmazeutische – feststellt, der vernichtet die Möglichkeit, Anschauungen darüber zu gewinnen, was im Organismus bei Heilungsvorgängen geschieht.“15
Vgl. Einleitung zu Band 15, Schriften zur Anthroposophischen Medizin, Kritische Edition der Schriften Rudolf Steiners“, frommann-holzboog Verlag, Stuttgart 202516
- Rudolf Steiner, Ita Wegman, Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst, GA 27.
- Ebenda, S. 77.
- Vgl. Marxer (2000), siehe www.pharmazeutische-zeitung.de/titel-10- 2000; [6.1.2025].
- Vgl. Holleman und Wiberg (2017), 940.
- Vgl. Wimmenauer (1992), 223.
- Siehe FN 1, S. 78.
- Ebenda.
- Vgl. Holleman und Wiberg (2017), 942.
- Siehe FN 1, S. 78f.
- Typhus ist weltweit verbreitet – besonders in warmen Ländern. Er wird durch kontaminierte Lebensmittel bzw. Trinkwasser übertragen und ist eine schwere Allgemeinerkrankung, die durch das Bakterium Salmonella typhi ausgelöst wird. Als Paratyphus bezeichnet man ein abgeschwächtes Krankheitsbild, dessen Erreger Salmonella Paratyphi A, B oder C ist. Übertragen wird die Infektion durch Trinkwasser oder Lebensmittel, die mit Fäkalien von infizierten Personen verunreinigt wurden. Leitsymptome sind hohes Fieber, Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, langsamer Puls, trockener Husten, Bauchschmerzen, Milzvergrößerung und manchmal ein blasser, kleinfleckiger Ausschlag am Körper. Ein milder Verlauf ist möglich, doch manchmal kommt es zu schweren Komplikationen wie massiven Darmblutungen oder Abszessen in verschiedenen Organen. Durch den Einsatz von Antibiotika kann die Sterblichkeit auf unter 1% gesenkt werden. In Deutschland ist die Krankheit meldepflichtig – dem Bundesamt für Gesundheit werden pro Jahr zwischen 20 und 50 Fälle gemeldet. Wichtigste Mittel zur Vorbeugung sind Körperhygiene und Verzicht auf frische Salate und ungeschältes Obst – nach dem Ernährungsmotto: Cook it, peel it or forget it. Siehe www.bag.admin.ch/bag/de/home/krankheiten/krankheiten-im-ueberblick/typhus-abdominalis-paratyphus.html; [6.1.2025].
- Siehe FN 1, S. 80.
- Siehe FN 1, Kapitel VI.
- Ebenda.
- Siehe FN 1, S. 80.
- Ebenda, S. 81.
- In Band 15 der SKA findet sich auch das umfangreiche Literatur- und Referenzverzeichnis. Wer den Inhalt weiter vertiefen möchte, kann sich dort darüber informieren.

