Der Mensch als Pentagramm
Was ist mit dem „Pentagramma Mensch“ gemeint?
Welchen Gesetzmäßigkeiten folgen die unterschiedlichen Funktionsbereiche des Menschen?
Welche besondere Bedeutung hat das fünfte Prinzip?
Die fünf Prinzipien der menschlichen Konstitution
Aristoteles greift das viergliedrige Menschenbild der Antike auf, das es auch im Ayurveda gibt und in etwas anderer Form in der traditionellen chinesischen Medizin. Er kennt aber auch das fünfte Prinzip, das im lateinischen Mittelalter „quinta essentia“ genannt wurde. Paracelsus sprach vom „Pentagramma Mensch“.
Im nächsten Abschnitt möchte ich den Menschen mit seinen fünf Funktionsebenen, die sehr unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten folgen (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Die fünf Ebenen des anthroposophischen Menschenbildes), näher besprechen.
- 1. Physischer Leib – die Raumgestalt
Der physische Leib ist physisch-mineralisch organisiert und verleiht uns so Gestalt im Raum mit klaren Grenzen, dank derer wir erleben können, dass wir eigenständige Wesen sind (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Begabungen des physischen Leibes). Wir verdanken unser Ich-Bewusstsein den Sinnen, die uns diesen Körper als einmalig und individuell abgegrenzt empfinden lassen. Die Sinne, die sich in den ersten acht Lebensjahren entwickeln, sind der Vermittler zur Außenwelt (vgl. Sinne(spflege): Allgemeines zum Thema Sinne).
Doch auch das Gehirn erfährt in dieser Altersspanne seine größte Entwicklung: Im 9. Lebensjahr ist seine Strukturierung zu fast 90 % abgeschlossen. Über das Gehirn wird jeder Sinneseindruck mit dem Körper verknüpft. Es ist das Beziehungsorgan, das die Verbindung zur uns umgebenden Welt mit all ihren Objekten und Erscheinungen, aber auch zu unserem eigenen „Objekt Körper“ herstellt und sich an dieser und durch diese Tätigkeit entwickelt.
- 2. Ätherischer Leib – die Zeitgestalt
Der Ätherleib, unsere „ätherische Organisation“, verleiht uns eine Zeitgestalt: das Leben zwischen Geburt und Tod (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Begabungen des Ätherleibes). Dieses Leben basiert auf Rhythmen und pulsierender Flüssigkeit. Je nach Alter bestehen wir zu 70 – 80 % aus Wasser, das sich in ständiger Regsamkeit und Bewegung befindet. Das griechische Wort Äther bedeutet „blaues Himmelslicht“. Der durchsonnte blaue Himmel ermöglicht genau das Maß an abgemilderter Sonneneinstrahlung, die die Pflanzen brauchen, um ihren Chlorophyll-, Energie- und Aufbaustoffwechsel zu bewerkstelligen.
In der heutigen Wissenschaft verbindet man den Ausdruck Leben mit Genetik, aber man muss sich klarmachen, dass die Gene gar nichts könnten, wenn das Himmelslicht, die Biorhythmen, alle unsere Stoffwechselvorgänge, unsere Hormone und Neurotransmitter nicht wären. Alles hat einen zirkadianen Rhythmus wie die Sonne (vgl. Lebensrhythmen: Heilkraft der Rhythmen). Sonne und Planeten sind Zeitgeber für unsere ätherische Organisation, die ja ganz auf Rhythmen basiert. Es gibt kein Leben ohne zyklisch-rhythmische Wiederholung.
- 3. Astralischer Leib – die Beziehungsgestalt
Die dritte Organisation nennt Rudolf Steiner astralisch. Astra heißt „der Stern“, weil unser Bewusstsein bis zu den Sternen reicht; alle alten menschenkundlichen Systeme haben immer davon gesprochen, dass der Mensch ein Mikrokosmos sei, die große Welt im Kleinen.
Die astralische Organisation schenkt uns Bewusstsein, die Möglichkeit zu Bewegung und differenziertem Wahrnehmungsvermögen und vor allem die Atmung (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Begabungen des Astralleibes). Über die Luft, die wir ein- und ausatmen, sind wir mit dem Makrokosmos, aber auch unmittelbar miteinander verbunden. Dazu gehört die Sprache als eine besondere Form der Ausatmung.
- 4. Ich Organisation – die Wärmegestalt
Unsere Ich-Organisation lebt in der Wärme (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Begabungen der Ich-Organisation). Diese ist eine wunderbare Qualität, die sich auf den unterschiedlichen Ebenen unseres Seins folgendermaßen auswirkt:
- Im Körper , messen wir Wärme als Temperatur.
- Seelisch erleben wir sie als warme Sympathie.
- Geistig zeigt sie sich als Begeisterung, als inneres Feuer.
Man kann durch Begeisterung sogar die eigene Körpertemperatur verändern. Der Ich-Organismus ist also ein integrativ wirkender Wärme-Organismus, durch den wir uns als einheitliche Persönlichkeit erleben können.
- 5. Die Quinta Essentia – das fünfte Prinzip
Was aber ist die Quinta Essentia? Was ist damit gemeint?
Diesen Begriff gibt es schon seit der Antike. Rudolf Steiner erklärt genau, was mit diesem fünften Prinzip gemeint ist und worauf es beruht. Er führt aus, dass ein Teil der
- ätherisch-aufbauende,
- astralisch-differenzierenden
- und ichhaft-integrierenden Kräfte
im Menschen von der Ich-Organisation blockiert bzw. zurückgehalten werden.
Was geschieht nun mit diesen Kräften, mit diesem Entwicklungspotential, das sich nicht verkörpert, sich nicht physisch realisiert?
Die zurückgehaltenen Kräfte verlassen den Körper, wenn das Blut während der Diastole im Herzen für Sekundenbruchteile zum Stillstand kommt. Sie metamorphosieren sich in unser Denkvermögen, unser „Geistesleben“, unsere Vorstellungswelt. Sie befähigen den Menschen als sein fünftes Prinzip zur individuellen Bewusstseinsbildung (vgl. Freiheit: Das fünfte Prinzip als Freiraum der Entwicklung).
Metamorphose der zurückgehaltenen Kräfte
Die Lebenskräfte des Ätherischen Organismus, die sich körperlich nicht realisieren können und deshalb auch nicht das perfekte Instinktprogramm liefern, gehen aus dem Körper heraus, werden leibfrei, und verwandeln sich, indem sie sich am Gehirn spiegeln, zu unserem Denkvermögen, unserem Denken (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Die Metamorphose der Wachstumskräfte in Gedankenkräfte).
Die körperlich zurückgehaltenen Differenzierungskräfte des astralischen Organismus, die nicht ausgelebten Begierden, erscheinen außerkörperlich als freie empathische Empfindungs- und Gefühlskompetenz, unserem Fühlen.
Und die zurückgehaltenen Integrationskräfte der Ich-Organisation selbst erscheinen außerkörperlich als freier Wille, unserem Wollen. Der sogenannte freie Wille ist nicht im Körper zu finden.
Grund für Identitäts- und Sinnkrise des modernen Menschen
Wir verdanken unser Denken, Fühlen und Wollen also gigantischen Kräften, die seitens der Natur zurückgehalten wurden (vgl. Freiheit: Instinktdefizit als Voraussetzung für Freiheit), was aber auch zur Folge hat, dass wir uns
- auf der instinktiv-körperlichen Ebene verunsichert,
- auf der Bewusstseinsebene unwissend in Bezug auf die wahre Aufgabe der Sinne
- und im Sozialen unfähig im Miteinander
erleben.
Wohingegen die Tiere in allen drei Bereichen mit selbstverständlicher Sicherheit agieren. Denn die Tiere haben zwar auch eine ätherische und eine astralische Organisation sowie eine Physis, aber sie verfügen über keine Ich-Organisation und kein fünftes Prinzip. Deshalb verhalten sie sich artgerecht, aber nicht als Individuen (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Zwischen Tier und Mensch unterscheiden). Sie haben kein individuelles Entwicklungspotential.
Wir Menschen dagegen können immer „menschlicher“ bzw. auch immer unmenschlicher werden. Wenn wir die Chance erkennen, die uns mit der Ich-Organisation gegeben ist, sind wir in der Lage zu verstehen, wer wir wirklich sind und wie es uns gelingen kann, uns immer weiter in Richtung Menschlichkeit zu entwickeln.
Vgl. Vortrag „Das eigene Menschsein entwickeln“, gehalten im Rudolf-Steiner-Haus, September 2024

