Entwicklungsbereitschaft und Selbständigkeit erwerben
Inwiefern hängen die Bereitschaft, sich ein Leben lang weiterzuentwickeln, davon ab, wie eigenaktiv und selbständig jemand ist?
Welche Rolle spielen Vorbild und Umgebung in der Erziehung?
Was braucht das Kind, um sich bestmöglich selbst zu erziehen?
Kindliche Bedürfnisse erkennen
Die Fähigkeit zur Selbsterziehung hat Vorbedingungen: Sie entwickelt sich im Kindes- und Jugendalter umso leichter, je mehr die Erziehung auf das Selbständig-Werden hin orientiert war.
Die Fähigkeit zur Machtausübung ist beim Säugling nur indirekt vorhanden, indem er durch seine Ohnmacht und Hilfsbedürftigkeit die Menschen seiner Umgebung in Bewegung versetzt, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Es dauert Jahre, bis das Kind selber klar sagen kann, was es denkt, und bis es beginnt, einsichtsvoll zu bestimmen, was es tun möchte. Insbesondere in den ersten drei Lebensjahren muss aus den Lebensäußerungen und Handlungsabläufen des kleinen Kindes abgelesen werden, was es braucht und will.1
Daher ist es so entscheidend, diese kindlichen Bedürfnisse ernst zu nehmen und liebevoll darauf zu reagieren. Im Mutterleib war das Kind noch ganz Teil des mütterlichen Organismus und bekam in jedem Augenblick, was es brauchte. Im ersten Lebensjahr muss nun der behutsame Übergang geschaffen werden zu einer Lebensform, in der das Kind auf die eigenen Füße kommt.
Handlungsbereitschaft entwickeln helfen
Die kindliche Handlungsbereitschaft orientiert sich zunächst ganz und gar an Sinneseindrücken, die von einem anderen Menschen und von den Gegenständen der Umgebung herrühren. Sie sind es, die das Kind zur Nachahmung und damit zur Handlung anregen. Wie der Erwachsene sich verhält, ob er weiß, was er will, ob er Liebe oder Hass ausstrahlt, Freude oder Ärger, beeinflusst das Willensverhalten des Kindes nachhaltig. Es hat z.B. Angst vor Zornausbrüchen und stellt sein Verhalten darauf ein, indem es solche möglichst nicht provoziert. Entsprechend ist es mit Belohnung und Strafe – auch durch sie wird das Kind nachhaltig beeinflusst.2 Sein Willensleben wird durch die Art und Weise geprägt, wie Erwachsene mit ihrem Denken, ihren Emotionen und Gefühlen auf das kindliche Wahrnehmungsvermögen einwirken und damit entsprechende Reaktionen ängstlicher Abwehr oder freudiger Nachahmung hervorrufen.
Ob der Erwachsene es will oder nicht, er beeinflusst das Kind. Entscheidend ist nur, dass er sich dieser Tatsache bewusst ist und zum Anwalt und Förderer ihrer späteren Eigenständigkeit wird. Indem er dem Kind hilft, seine Handlungsbereitschaft und Geschicklichkeit durch sinnvolle Tätigkeiten zu üben, hilft er ihm gleichzeitig, Fähigkeiten zu veranlagen, die seine späteren Handlungsmöglichkeiten erweitern. Machtausübung ist immer auch Ausdruck des Beherrschens von Fähigkeiten. Wer etwas tun kann, hat Macht über sich selbst und über Dinge und Vorgänge.
Bedeutsamkeit von Vorbild und Zuwendung
Schon das Fehlen von Vorbildern und nachahmenswerten Tätigkeiten in der frühen Kindheit und im Vorschulalter können den Grund legen für einen Mangel an Selbstbeherrschung und Geschicklichkeit im späteren Leben. Antriebsschwäche und Lustlosigkeit stellen sich ein – und damit auch Unsicherheit und Frustration. Diese können dann wiederum zur Ursache werden für spätere destruktive Machtausübung über Wehrlose und Schwache.
Der in den letzten Jahren anwachsenden Literatur über sexuellen Missbrauch im Kindesalter war zu entnehmen, dass die Mehrzahl derer, die Kinder missbrauchen, als Kind selbst Ähnliches erlitten haben – in jedem Fall etwas, das den Aufbau eines gesunden Selbstbewusstseins und Sozialverhaltens erschwert bzw. verhindert hat.3
Wer im Verlauf seiner Entwicklung Anregungen erhält, und die Möglichkeit bekommt, sich seines freien Willens und der Macht über sich selbst bewusst zu werden, kann auch aus äußerst schwierigen sozialen Verhältnissen kommen und dennoch ein konstruktives Sozialverhalten entwickeln. Dabei sind Begegnungen, die von Zuwendung und Liebe zu dem betroffenen Kind geprägt sind und sein Selbstvertrauen wecken, entscheidend. Über lange Zeit schenkte man der Tatsache, dass von besonderen zwischenmenschlichen Beziehungen ein prägender Einfluss ausgeht, viel zu wenig Aufmerksamkeit.
Möglichkeiten für Selbsterziehung schaffen
Rudolf Steiner legte in seinen pädagogischen Vorträgen Eltern und Erziehern wiederholt ans Herz gelegt, dass in Wirklichkeit nicht sie es sind, die das Kind erziehen. Eltern und Erzieher schaffen dem Kind die Umwelt, gleichsam das Material für seine Willensbetätigung, es ist jedoch das Kind selbst, das sich dieses oder jenes zu eigen macht und sich aktiv mit seiner Umwelt auseinandersetzt.4
Je ungehinderter und freier sich das Kind in den ersten Jahren seines Lebens nachahmend betätigen darf, und je sinnvoller und konstruktiver die wahrgenommenen Handlungsabläufe sind, die vom Kind aufgegriffen und geübt werden können, umso vielseitiger kann das Kind diese Einflüsse aufnehmen und Fähigkeiten veranlagen und ausbilden als Grundlage für sein späteres Können.
Vgl. „Macht in der zwischenmenschlichen Beziehung“, 1. Kapitel, Verlag Johannes M. Mayer, Stuttgart – Berlin 1997
- Vgl. K. König, Die ersten drei Jahre des Kindes.
- Vgl. E. Gabert, G. Kniebe, Strafe in der Selbsterziehung und in der Erziehung des Kindes; M. Glöckler, Elternsprechstunde, S. 311 ff.
- Vgl. M. Wais, I. Gallé, Der ganz alltägliche Mißbrauch; P. Petersen, J. Rosenhag, Dieser kleine Funken Hoffnung.
- Rudolf Steiner, Pädagogische Praxis vom Gesichtspunkte geisteswissenschaftlicher Menschenerkenntnis; vgl. auch W. Goebel, / M. Glöckler, Kindersprechstunde, 2. Teil.

