Selbsterziehung und Schicksal des Kindes

Über welche besondere Kompetenz verfügt das Kind im 1. Jahrsiebt?

Wie lebt es sie im ersten Lebensjahr?

Was bedeutet es unter dem Gesichtspunkt „zu werden wie die Kinder“?

Das Leitmotiv aller Pädagogik

Rudolf Steiner hat 1923, als er vor Lehrern der öffentlichen Schulen in Basel sprach ein Leitmotiv für jede Altersstufe genannt, mit dessen Hilfe wir mittlerweile auch den Lehrplan der Kleinkindpädagogik fundamental ausarbeiten konnten. Dieses Leitmotiv lautet: „Jede Erziehung ist Selbsterziehung, und wir sind eigentlich als Lehrer und Erzieher nur die Umgebung des sich selbst erziehenden Kindes. Wir müssen die günstigste Umgebung abgeben, damit an uns das Kind sich so erzieht, wie es sich durch sein inneres Schicksal erziehen muss.1 An dem ‚Muss‘ kann man sich stoßen und fragen:

Wo bleibt die Freiheit, wenn hier von Müssen die Rede ist?

In dem Moment, in dem man sich klar macht, dass jede Erziehung Selbsterziehung ist, dass das Kind selber sich aus unserem Umgebungsangebot herausholt und das nachahmt, was besonders zu ihm und zu seinem Schicksal passt, begreift man den Sinn dieses „Muss“. Denn unserm Schicksal können wir nicht entfliehen. Da liegt ein klares, überpersönliches Muss vor. Goethe sagt in seinem berühmten Gedicht „Daimon“: „So musst du sein, dir kannst du nicht entfliehen!“2 Vor allen anderen Leuten können wir weglaufen, aber vor uns selber nicht. Und wenn wir es versuchen, merken wir früher oder später, es geht nicht. Immer wieder kommen wir auf diesen komischen Typen zurück und können ihm nicht entfliehen. Damit hängt dieses Muss zusammen.

Wie Kinder im 1. Jahrsiebt mit der Welt umgehen

Im ersten Jahr entwickelt sich das Gehirn schneller, als jemals im späteren Leben, weil die Kinder den eigenen Körper vertikalisieren und sich in der Objektwelt orientieren wollen. Sie landen dadurch im Physischen. In keinem Lebensjahr sind wir so achtsam, so offen, so ganz Auge wie da. Alle späteren Achtsamkeitsübungen sind nur ein Schatten von der Intensität, mit der Kinder in dieser Zeit aufmerksam sind. Deswegen brauchen sie da ein geschütztes, ruhiges Umfeld, freie Räume, wo sie alles das wirklich machen können, wozu sie im ersten Jahr veranlagt sind.

Kinder im Nachahmungsalter haben noch das Privileg, dass Wahrnehmen und Denken nicht getrennt sind wie bei uns Erwachsenen und beim Schulkind, wo das schon deutlich wird und sich immer mehr trennt. Für Kinder im 1. Jahrsiebt ist Wahrnehmen und Denken noch dasselbe. Sie erleben, was sie sehen, nicht nur im Herzen, sondern in den Gliedern, vollmenschlich. Darauf basiert ihre Fähigkeit zur Nachahmung: Wenn sie etwas sehen, ist das für sie bereits verstandene – nicht intellektuell reflektierte – aber verstandene, erlebte und sofort ausprobierte, realisierte selbsterzieherische Wirklichkeit. Sonst würde Nachahmung gar nicht funktionieren. Sie ist Denken, Fühlen und Wollen in einem, ungetrennt. Deswegen ist das Kind der perfekte Selbsterzieher – eine Fähigkeit, die wir vom Kind lernen können.

Beim Kind ist das ein ganz spontanes Sosein. Es nimmt die Welt, wie sie ist. Da wird nicht kritisiert, nicht rumgemacht, man setzt sich auseinander. Man panscht unter Umständen auch mal mit dem Essen und findet es dann interessant, wie die Erwachsenen reagieren. Aber es ist alles ein ganz experimenteller, erzieherischer, sachbezogener Dialog mit der Umwelt.

Die doppelte Bedeutung von Schicksal

Wir haben ein innerstes Schicksal. Da wird uns einerseits etwas geschickt. Das sagt das deutsche Wort Schicksal sehr deutlich: Das Schicksal ist wie ein Paket, das uns geschickt wird - und wir müssen es aufmachen.

Andererseits erfordert das Schicksal Geschicklichkeit, damit wir mit diesem Schicksal, mit diesem Paket, gut zurechtkommen.

Wie können wir dem Kind helfen, geschickt zu werden, mit seinem eigenen Schicksal zurechtzukommen?

Wir nennen das heute Resilienz, wenn es gelingt (vgl. Kindsein heute: Gelingende Kindheit durch Schicksalsvertrauen). Resilienz bedeutet, dass alles, was auf mich zukommt, mich geschickt genug findet, es wahrzunehmen, ernst zu nehmen und dann spielerisch damit umgehen zu lernen. Aus allem, was mir zukommt, eine Fähigkeit zu machen, die ich offenbar erringen will. Und deswegen muss alles so sein, weil ich es eigentlich will.

Umgang mit schwierigen Kinderschicksalen

Als Erziehern begegnen uns Kinder mit schwierigen Schicksalen und einem problematischen Umfeld. Aber wir sollten uns nicht beschweren, dass das Kind schwierig und das Umfeld ganz unmöglich ist. Wir sollten vielmehr sagen: „Wie großartig, dass dieses Umfeld Wege gefunden hat, dieses Kind zu uns zu schicken! Dass wir uns jetzt in den besten Stunden des Tages mit ihm beschäftigen dürfen und ihm eine geschützte Umgebung bieten, einen Freiraum, wo es voll Vertrauen anfangen kann, selbst aktiv zu sein“.

Je mehr wir dem Kind ermöglichen, selbst der Entdecker zu sein, selbst der Finder zu sein, selbst der Neugierige zu sein, umso besser. Es braucht eine Umgebung und Erwachsene, die sich wie ein passendes, durch und durch gutes Angebot erleben für diese Selbsterziehung.

Kinder haben ein Recht, so wie ich auch, zu sich selber zu kommen, ihr eigenes Schicksal zu ergreifen und nicht den Vorstellungen der Erwachsenen, denen sie anvertraut sind, zu folgen.

Vgl. „Vertiefung und Belebung des Waldorfimpulses nach 100 Jahren“, Vortrag gehalten in Salzburg im Rahmen einer Tagung des Waldorfbundes im Februar 2026

  1. Rudolf Steiner, Die pädagogische Praxis vom Gesichtspunkte geisteswissenschaftlicher Menschenerkenntnis, 20.4.1923, GA 306, S. 131.
  2. J.W. v. Goethe, Urworte. Orphisch - Daimon:

    „Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
    Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
    Bist alsobald und fort und fort gediehen
    Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
    So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
    So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
    Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
    Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.“