Salutogenetische Waldorfpädagogik

Inwiefern kann Waldorfpädagogik salutogenetisch genannt werden?

Was sind die signifikanten Ergebnisse der genannten Studie über Waldorfabsolventen?

Welche Gründe sprechen demnach für eine Waldorferziehung?

Nach dem zweiten Weltkrieg, 1945, hatten wir in Deutschland 6 Waldorfschulen. 2006 waren es bereits 203, 2017 238. Das ist eine bemerkenswerte Wachstumskurve einer Bildungseinrichtung, die Gesundheit verspricht und auch aktiv dazu beiträgt.

Anfang 2007 wurde in Deutschland eine Studie1 veröffentlicht, die mit drei Altersgruppen von ca. 1000 ehemaligen Waldorfschülern durchgeführt worden war und zwar mit drei Altersgruppen: mit Absolventen zwischen 30 und 40, zwischen 53 und 62 und zwischen 65 und 70 Jahren. Sie enthielt ausführliche Interviews über ihr Leben und ihren Gesundheitszustand. Die Auswertung ergab, dass Waldorfschüler im Vergleich mit dem statistisch erfassten Gesundheitsdurchschnitt dieser drei Altersgruppen bei typischen Erkrankungen wie Arteriosklerose, Bluthochdruck und Rheuma deutlich besser abschnitten. Das ist ein aufregendes Ergebnis.

Gesundheit für das ganze Leben veranlagen

Für Rudolf Steiner war die Schule ein Ort, an dem all die Qualitäten erworben werden sollten, die von Aaron Antonovsky2 und Abraham Maslov3 Jahre später als gesundheitsfördernd erkannt wurden (vgl. Gesundheit: Salutogenese – die Lehre von der Gesundheit ). Steiner sagte sinngemäß, Lehren sei stilles Heilen.4

  • Denn alles sollte so gelehrt werden, dass es als Einladung aufgefasst werden kann, die Welt verstehen zu lernen, die geistige Welt mit eingeschlossen (Verstehbarkeit).

  • Jede gute Erziehung sollte auch die Motive hervorbringen, aus denen heraus Schüler lernen wollen. Damit das erreicht werden kann, müssen Lehrer und Schüler zusammenarbeiten (Sinnhaftigkeit).

  • Die Schule muss den Schülern zudem helfen, so viele Fähigkeiten wie möglich zu entwickeln, damit sie im späteren Leben in vielen Bereichen „anpacken“ können (Handlungsfähigkeit).

Dafür engagiert sich Waldorfpädagogik. Das Konzept der Salutogenese wird in den Waldorfschulen praktiziert, obwohl zu Steiners Zeiten noch kein Mensch davon wusste (vgl. Gesundheit: Salutogenese und Pädagogik). Von Anfang an ging es nicht nur darum Wissen zu vermitteln, sondern jungen Leuten zu helfen, Gesundheit für das ganze Leben zu veranlagen. Das ist vor dem Hintergrund des Entwicklungsgedankens ein Hauptanliegen der Waldorfpädagogik.

Gründe, die für eine Waldorferziehung sprechen

Wenn ich also Elternabende zur Einschulung hielt und die Frage gestellt wurde, ob ein Kind auf die Waldorfschule gehen soll oder nicht, erwähnte ich diese Studie und setzte hinzu, dass es u.a. aus meiner Sicht drei wichtige Gründe gebe, Kinder auf die Waldorfschule zu schicken:

1. Gesundheitsvorsorge für das Alter

Waldorferziehung stellt eine echte Gesundheitsvorsorge fürs Alter dar (vgl. Entwicklung: Wie die Lebenskräfte in Kindheit und Alter zusammenhängen), die beste, die ich kenne. Sie ist eine Art Präventivmedizin für die zweite Lebenshälfte, bzw. für das letzte Lebensdrittel, in dem man heute ohnehin oft Gefahr läuft arbeitslos zu werden. Wird man auch noch krank, leidet man doppelt. Deshalb ist es eine echte Hilfe, wenn man früh gelernt hat, eine selbstbestimmte Haltung mit der damit einhergehenden Verantwortlichkeit und Initiativfreude zu entwickeln.

2. Abschwächung des materialistischen Einflusses

Waldorferziehung ist zudem ein Gegengewicht zur Tendenz, sich blind an die materialistische Kultur anzupassen. Das heranwachsende Kind hat es deshalb manchmal etwas schwerer im Leben, weil es nach anderen Gesichtspunkten handelt als üblich. Wer dieses Anders-Sein übersteht, hat oft Lust, sich zu engagieren, um an der heutigen Kultur etwas zu ändern.

Eltern allerdings, die wollen, dass ihre Kinder nirgends anecken, sollten sie nicht auf die Waldorfschule geben. Denn es kann Einsamkeit mit sich bringen, immer auch andere Gesichtspunkte zu sehen und einzubeziehen. Man hat auch weniger Gesprächspartner und benötigt ein ausgeprägtes Taktgefühl im Sozialen, damit man sich nicht überall wie ein Elefant im Porzellanladen benimmt, sondern sich so zurückzunehmen weiß, wie Rudolf Steiner es von seinen Schülern verlangte: Man solle über seine Gedanken und Ansichten nur sprechen, wenn man danach gefragt wird.

3. Erlangung einer überkonfessionelle Orientierung

Waldorfschüler lernen eine tolerante, überkonfessionelle Orientierung kennen (vgl. Religion: Zukünftige Aufgaben der Religion), die ihnen die Möglichkeit gibt, sich später für die verschiedensten Philosophien und Religionen zu interessieren, weil sie von allem schon gehört haben und mit allen wesentlichen Strömungen Bekanntschaft schließen durften.

Solange man jung ist, hat man kein großes Interesse an Gesundheitsfragen. In der zweiten Lebenshälfte ist dieses Thema jedoch von großer Bedeutung – wenn man noch in der Lage dazu ist. Ich bin zunehmend dankbar dafür, dass ich in meiner Waldorfschulzeit wertvolle Gesundheits-Ressourcen veranlagen konnte für die zweite Lebenshälfte.

Vgl. Vortrag „Ursprung und Ziel von Gesundheit“ an der Tagung „Connect“, Dornach, April 2007

  1. Heiner Barz und Dirk Randoll (Hsg.), Absolventen von Waldorfschulen: Eine empirische Studie zu Bildung und Lebensgestaltung, 2007.
  2. Aaron Antonovsky, Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit, Tübingen 1987.
  3. Abraham Maslow, Motivation und Persönlichkeit, Hamburg 1981.
  4. Rudolf Steiner, Mantrische Sprüche. Seelenübungen II., GA 268, S. 304; wortwörtlich heißt es dort: „…Und Erziehen ward angesehen gleich dem Heilprozess, der dem Kinde mit dem Reifen die Gesundheit zugleich erbrachte für des Lebens vollendetes Menschsein. “