Belebung des Waldorfkindergarten-Impulses

Was bedeutet es, einen Impuls nach 100 Jahren zu erneuern?

Was heißt das konkret für den Waldorfkindergarten-Impuls?

Welche Rolle spielt dabei die Anthroposophie?

Erneuerungsbedarf eines Impulses nach 100 Jahren

Nach hundert Jahren lebt sich ein Impuls zu Ende. Das heißt jedoch nicht, dass die Traditionen falsch sind, im Gegenteil. Aber es heißt, wenn Traditionen ein gewisses Alter haben, dass dann oft die Gefahr ist, dass diese Traditionen so gelebt werden, dass sie nicht mehr aus dem eigenen Herzen entspringen, sondern wie äußerliche Forderungen unpersönlich daherkommen.

Wenn wir den Impuls des Erziehers, der Erzieherin im Waldorfkindergarten und in der Waldorfkrippe erneuern wollen, ist der Ort dieser Erneuerung unser eigenes Herz, unser guter Wille, selber Mensch zu werden. Dazu brauchen wir die Anthroposophie.

Anthropologie und Anthroposophie

Was bedeutet Anthroposophie?

Und was ist der Unterschied zwischen Anthropologie und Anthroposophie?

„Logie“ steht für Wissen. Das Wort Anthropologie bedeutet demnach Wissen, Wissenschaft vom Menschen. Sophia heißt Weisheit.

Was ist nun der Unterschied zwischen Wissen und Weisheit?

Wissen ist neutral, lässt völlig frei. Jemand, der in einer glücklichen Partnerschaft lebt, weiß genau, was eine Ehescheidung bedeutet: dass man mehr oder weniger im Guten getrennte Wege geht. Wenn der- oder diejenige selbst in eine Ehekrise gerät und sie ihre ganz individuelle Trennungsgeschichte durchleben, dann wird aus Wissen Weisheit. Indem man es erlebt, wird aus Wissen Erfahrung, authentisches Erleben.

Das will Anthroposophie sein: Sie will nicht nur zur Selbsterkenntnis führen. Das wäre Logie. Wirkliches Selbsterkennen bedeutet, dass das Wissen zur Erfahrung, zur Weisheit, zum Selbsterleben, zur Selbstwertschätzung geworden ist.

Selbst und Schicksal

Kann ich meinen Wert, meine Würde als Mensch ahnen?

Unser Selbst und das Schicksal, das zu diesem Selbst gehört und dem wir nicht entfliehen können, sind wie zwei Seiten der eigenen Identität. Denn alles, was als Schicksal auf mich zukommt, erfordert von mir eine Reaktion, eine Resonanz. Das zeigt mir: Mein Schicksal und ich, egal, wie ich mich dazu stelle, sie gehören zusammen, denn ich kann ihm nicht entfliehen. Es ist so, wie es ist. Aber ich merke: Wenn ich nur will, kann ich es so oder so gestalten.

Wir sprechen von Resilienz oder Coping, wenn jemand in der Lage ist, mit allem, was auf ihn oder sie zukommt, wie ein Kind spielerisch, künstlerisch umzugehen, etwas auszuprobieren, sich zu fragen:

Was will mich das lehren?

Wie komme ich damit zurecht?

Warum passiert mir das heute?

Was hat es mit mir zu tun?

Was will es in mir wecken?

Selbsterkenntnis ermöglicht Selbsterfahrung am Schicksal. Dann ist der dritte Schritt die Selbsterziehung. Dieser Prozess geht durch Denken, Fühlen und Wollen.

Werden wie ein Kind

Erst wenn man im Wollen der eigenen Entwicklung angelangt ist, ist man wieder wie ein Kind geworden. So gesehen sollten wir uns fragen:

Tun wir, was wir sagen?

Und sehen wir wirklich, was wir tun, wie wir wirken?

Für uns sind das Riesenaufgaben in der Selbstschulung. Die Anthroposophie mit ihrem menschenkundlichen Fundament und ihren Möglichkeiten, Denken, Fühlen und Wollen wieder zusammenzubringen, kann uns dabei als wunderbares Werkzeug dienen. Mit seiner Hilfe können wir durch Selbsterkenntnis, Selbsterfahrung, Selbstschulung wieder zum Kind werden, können uns selbst und unsere Umwelt immer besser erleben und verstehen.

Nur so werden wir in der Lage sein, den Kindern zu helfen, ihr eigenes Menschsein aktiv und freudig zu ergreifen und immer besser zu entdecken.

Vgl. „Vertiefung und Belebung des Waldorfimpulses nach 100 Jahren“, Vortrag gehalten in Salzburg im Rahmen einer Tagung des Waldorfbundes im Februar 2026

Waldorfpädagogik